
DIRECTOR'S NOTE
Lennart Ruff
Vielleicht sind in einer Welt voller Lügen und Geheimnisse das Wahrhaftigste die Emotionen. Im Guten wie im Schlechten. Ob erzeugt durch Wahrheit oder Falschheit – am Ende sind es menschliche, private Gefühle, die unbestritten real bleiben.
Unfamiliar ist ein Agententhriller. Mit all der Attraktion, die dieses Genre verspricht und dem ich mich als Regisseur nur allzu gerne hingegeben habe. Was mich jedoch vor allem interessiert hat, ist das Private. Die Emotion. Der menschliche Aspekt, der Protagonisten zu Charakteren macht.
Ein Genre, das ich liebe, das mich unterhält und mitfiebern lässt – getragen von Figuren, die mich berühren.
Die Helden in Unfamiliar sind keine. Keine Figur ist frei von Schuld, obwohl sie sich permanent bemühen, das Richtige zu tun. Aber jedes Handeln hat Konsequenzen. Selbst wenn dieses Handeln über Jahre im Verborgenen bleibt, schlägt es Wellen bis ins Heute.
Nichts im Agieren der Charaktere hat etwas Glorieuses.
Und trotzdem bleibt der Blick auf die Figuren empathisch. Ich wollte nicht nur in ihre Abgründe schauen, sondern sie verstehen und sie als Menschen nachvollziehen.
Berlin galt lange als Hauptstadt der Spione. Und so spielen Szenen immer wieder an diesen historischen Orten. Die Stadt ist wie ein eigener Organismus: unübersichtlich, chaotisch, in Grauzonen, die immer wieder verschwimmen. Berlin ist nicht nur Schauplatz, sondern wie ein eigener Protagonist der Serie.
Die Welt der Geheimdienste ist – wie der Name schon impliziert – eine, die im Geheimen stattfindet. Eine, die auf den ersten und wahrscheinlich auch auf den zweiten und dritten Blick für uns unsichtbar bleibt. Mich hat die Vorstellung fasziniert, dass sie trotzdem tagtäglich direkt vor unseren Augen existieren muss. Ein grauer Van neben uns an der Ampel könnte ein Van sein, in dem Agenten wie Simon und Meret sitzen. Ich wollte dem Publikum eine magische Brille aufsetzen, die es ihnen erlaubt, in diesen Van hineinzuschauen, hinter den Stahlzaun des BND oder durch die von außen verspiegelten Fenster der Luxussuiten der Stadt.
Unfamiliar ist eine Welt voller Lügen und Geheimnisse, die ich versucht habe, auf ehrliche und authentische Weise zu erzählen. Meret und Simon sind keine Superhelden mit übernatürlichen Kräften. Sie wissen, was sie tun, sind Profis in ihrem Metier. Sie sind großartige Agenten. Vor allem aber sind sie: Eltern, Partner, Liebende, Leidende, Hassende, Streitende, Scheiternde, Feiernde, Fühlende – Menschen. Nicht ohne Grund ist der Satz, mit dem sie sich immer wieder bestätigen: „Noch am Leben.“
