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WRITER'S NOTE

Paul Coates

Die Idee für Unfamiliar kam mir zum ersten Mal Ende 2023. Ich hatte zuvor bereits mit Gaumont und Netflix an Barbaren gearbeitet. Da die Zusammenarbeit zwischen uns allen sehr gut war, wurde ich gefragt, ob ich auch etwas Neues hätte, das ich ihnen zeigen könnte.

Im gleichen Jahr sah ich The Contractor mit Chris Pine – ein solider Actionfilm, eine gute 8 von 10. Es gibt dort eine Szene, in der der Held die Telefonnummer eines Safehouses bekommt. Wir werden dann mitten ins Nirgendwo geführt, in ein trostloses Versteck, das von einem sehr rätselhaften Eddie Marsan geleitet wird. Plötzlich schossen mir unzählige Fragen durch den Kopf: Wer war dieser Typ? Warum leitet er ein Safehouse? Und wo geht er hin, wenn gerade niemand bei ihm untergebracht ist?

Ich bin etwa im gleichen Alter wie Meret und Simon und hatte mir daher bereits Gedanken darüber gemacht, wie es ist, im Berufsleben übersehen zu werden. Ich habe sehr jung beim Fernsehen angefangen; meinen ersten Job bekam ich mit 24. Es gab eine Zeit, in der ich regelmäßig einer der jüngsten Autoren im Raum war, und heute ist das definitiv nicht mehr der Fall. Tatsächlich fiel es mir zuletzt sogar schwer, überhaupt noch in diese Räume hineinzukommen. Meine Frau sagt manchmal, sie fühle sich unsichtbar – wenn sie die Straße entlang geht, bemerke sie niemand mehr. Und ich fragte mich, wie das wohl für Spione sein muss. Wenn meine Arbeit anstrengend oder schwierig ist, fühle ich mich oft „zu alt für diesen Scheiß“. Wie muss sich das erst anfühlen, wenn man in einer Situation auf Leben und Tod steckt, in der Reflexe und Entscheidungen tatsächlich überlebenswichtig sind?

Mir war also klar, dass die Person, die das Safehouse leitet, ein Spion im Ruhestand sein würde. Jemand, der das unter dem Radar und inoffiziell macht, weil er sich immer noch beweisen muss und diesen Adrenalinschub braucht, aber aufgrund seines Alters unsichtbar ist. Übersehen und abgeschrieben.

Aber ich wollte keinen Einzelgänger.

Ich war schon immer fasziniert von schwierigen Familiendynamiken. Dort findet sich immer das wahre Drama. Wenn eine Familie im Zentrum einer Geschichte steht, ist sofort klar, worum es geht. Egal, was ich schreibe – unabhängig von Genre oder Medium – am Ende lande ich immer wieder beim Thema Familie. Denn Familien bedeuten Vertrauen, Loyalität, Lügen und Verrat. Wir haben Unfamiliar ursprünglich als Spionage-Serie mit einer Familie verkauft. Doch es wurde schnell klar, dass wir alle eigentlich eine Familienserie mit Spionen machen wollten – und dass das Publikum genau das sehen will. Die Action, die Plot-Twists, die Adrenalinschübe (von denen wir reichlich haben) – all das bedeutet nichts ohne dieses fesselnde Paar im Mittelpunkt, das versucht, seine Tochter zu beschützen.

In diesem Moment wurde mir klar, dass die Person im Safehouse in Wirklichkeit zwei Personen sind: Ein Ehepaar, beide Ex-Spione, die am Ende des Tages nach Hause zu ihrer Tochter gehen.

Mir war klar, dass Berlin der perfekte Schauplatz für eine Spionage-Serie ist. In letzter Zeit fühlt es sich so an, als stünde die Welt am Abgrund eines zweiten Kalten Krieges, und Berlin würde dabei an der vordersten Front liegen. Ich wollte kein trostloses Safehouse im Nirgendwo. Diese fantastische Stadt ist genau der Ort, an dem man untertauchen kann, während man eigentlich für alle sichtbar ist. Ich wollte eine Serie, die lokal verwurzelt ist, aber eine internationale Ausstrahlung hat.

Ein weiteres Thema von Unfamiliar ist „Geheimnisse und Lügen“. Es gibt eine Zeile, in der Meret sagt: „Manchmal glaube ich, dass ich nur aus Lügen bestehe.“ Als Spion schlüpft man in so viele verschiedene Identitäten – sogenannte Legenden – dass mich die Frage fasziniert, wie man dabei seine Mitte behält. Wie man daran festhält, wer man wirklich ist. Meret floh mit 16 Jahren aus dem Osten und war seither so viele verschiedene Menschen. Weiß sie überhaupt noch, wer sie wirklich ist? Und was macht das mit einem Menschen? Wie kann man ein guter Elternteil sein, wenn man sein wahres Ich nicht kennt?

Selbst ich kenne Merets echten Namen nicht. Ich warte immer noch darauf, dass sie ihn mir verrät.

Das letzte Thema, das ich untersuchen wollte, betrifft Simon. Er ist ein guter Mensch, aber er hat etwas Schreckliches getan. Er tat es (in seiner Vorstellung) aus den richtigen Gründen, aber es war zweifellos eine böse Tat. Er war ein großartiger Ehemann, ein wunderbarer Vater, ein toller Freund und Koch – aber ist er all das nur, um die schlimme Sache von damals wiedergutzumachen? Kann man ein guter Mensch sein, wenn man etwas Schreckliches getan hat? Was bedeutet es überhaupt, gut oder böse zu sein?

Mir war also klar, dass diese schlimme Tat etwas mit der Tochter zu tun haben musste, zu der sie jeden Tag nach Hause kommen.

All das schwirrte mir im Kopf herum, als Gaumont und Netflix mich fragten, ob ich etwas Neues hätte, das ich ihnen zeigen könne. Also setzte ich mich hin und schrieb das Pilotbuch, einfach um diese flatterhaften Gedanken in eine gewisse Ordnung zu bringen. Um sie aus meinem Kopf zu bekommen.

Und ich bin so froh, dass ich es getan habe.

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